Weitermachen {grau}

In meinem Mikrokosmos ist alles in Ordnung.

Schon praktisch, ich muss nur so weit sehen, wie ich will. Wenn es zu weit geht und ich seh etwas, was mir nicht gefällt, kann ich einfach meine Schotten dicht machen. Schon ist wieder alles im Lot.

Das Problem ist nur, dass ständig neue Geschichten vor meinem Auge auftauchen und je mehr ich zu verdrängen versuche, desto hartnäckiger sind die Bilder.

Ich fühle mich so zwiegespalten. Schuldig. Hilflos.

Leben ist manchmal ganz schön schwer. Überall Leiden, Trauer, Krieg und Tod. Verzweifelte Menschen und mir geht es gut. Dem Einzigen Gott sei Dank. Ich muss etwas abgeben und weiß nicht wie und wo. Habe ich meine Chance und wenn sie kommt, werde ich sie ergreifen?

Auch wenn es überall brennt, das Leben geht weiter und ich bin hier und muss tun, was ich tun muss.

Und ich darf mich an manchen Dingen freuen.  So wie es Menschen überall tun. Sogar im größten Elend lässt sich das Lächeln eines Kindes entdecken. Das ist unglaublich, unvorstellbar. Aber wirklich.

In meiner Religion heißt es, dass, wenn der Jüngste Tag kommt und eine Person gerade eine Blume pflanzt, dann soll sie diese Aufgabe beenden. Obwohl sich gleich die ganze Erde dreht und alles vorüber sein wird. Und das lässt mich mich wieder an die Freude erinnern. Und ein bißchen genießen. Wie die schöne Blume am Tag der Auferstehung.

Ich mach weiter, jeden Tag ein Stück und versuche, mein Herz nicht an unwichtige Dinge zu hängen. Ich versuche, dankbar zu sein und mein Ziel nicht aus den Augen zu verlieren und ich hoffe, meine Chancen zu erkennen und zu nutzen.

Ich bin auf dem Weg und ich erfreue mich an der Schönheit der Schöpfung.

So war ich diese Tage auf der Suche nach einem Motiv für den 12tel Blick, den Tabea Heinicker initiiert hat. Meinem ganz besonderem Fleckchen Erde, in der ich nicht die Enge der Stadt, sondern Licht, Luft und Weite spüre. Ein Platz zum Durchatmen und Kräfte sammeln. Ich bin gespannt, wie er sich verändern wird im Laufe des Jahres, obwohl ich das schon ein bißchen weiß von meinen Radtouren aus dem letzten Jahr. Aber diese monatlichen intensiveren Besuche werden meinen Blick schärfen und mich noch Neues entdecken lassen. Ich freue mich auf diese kleine Reise.

enimenim: 12tel Blick Januar2013

 

Großstadtdschungel II. {*die andere Seite}

Dass es in Hamburg so viele kleine “Berge” gibt, habe ich auch noch nicht gewusst. Manchmal war es mir mit dem Kinderwagen ein bißchen schwer auf dem Weg nach Hause, deshalb hatte ich so eine Ahnung, dass es da wohl etwas hoch ging. Nun aber, wo ich mit dem Radl losfahre, rausche ich das erste Stück nur so runter und gebe auf dem Rückweg am Ende immer nochmal richtig Gas.

Das letzte Mal Fahrrad bin ich am Anfang meiner ersten Schwangerschaft gefahren, hm, so lange ist das schon her. Hätte ich gar nicht gedacht. Früher ging es mit dem Rad zur Uni und dahin, wohin der Wind mich trug.

Ich habe das so vermißt. Schon erstaunlich, wie man sich selbst derart kasteien kann. Aus Unwissenheit vieleicht, aus falschem Verständnis heraus. Aus Übertreibung oder Scham? Ich habe gewagt, die selbst erbaute Mauer zu überwinden. Radfahren als Muslima. Mit Schleier. Eine kleine Herausforderung. Eine große Attraktion.

Ich erkunde jeden Tag ein kleines Stück meiner Umgebung. Ich entdecke ganz neue Plätze. Und Bekanntes neu. Fahrrad fahren ermöglicht eine ganz andere, aber gar nicht mal so neue Sicht auf das Leben. Heute morgen habe ich mich in ein riesengroßes Einkaufszentrum verirrt. Ich habe es einmal quer durch zum schwedischen Textilriesen geschafft, einen Blick hineingeworfen und bin schnurstracks umgekehrt, zurück zum Ausgang, nach draußen. Puh. Schnell weg hier. Zu voll. Und ich ertrage es nicht, wenn ich von allen Seiten genötigt werde, irgendetwas zu kaufen. Kauf das! KAUF! Du brauchst das ganz dringend!

Nö, brauche ich gar nicht. Will ich auch nicht. Tut mir nicht gut. Ist unwichtig.

Was ich brauche ist Bewegung, Luft, Bäume, Wasser und Stille. Und manchmal nette Gesellschaft.

Kinder brauchen das auch. Kein Wunder, dass Einkaufen mit ihnen oft so anstrengend ist, weil sie nörgeln oder anfangen herumzutoben. Die Armen! Ich versuche, ihnen das so wenig wie nötig anzutun. Und daran tue ich gut. Ich bin froh, dass mir das jetzt wieder bewußt geworden ist. Irgendwie ist nicht nur mein Körper durch das Radfahren in Bewegung gekommen. Meinem Geist und meinem Gemüt tut es auch ganz gut.

P.S.: E., die Fotos sind extra für dich! Weißt du, wo ich war?

Das große Rennen

Ich guck ja ab und zu ganz gerne die Nachrichten von vor 20 Jahren und staune, wie sehr sich seit den Neunzigern die Welt verändert hat. Z. B. die Schrift: die Untertitel waren damals viel größer und heutzutage sind sie auf kleineren Bildschirmen auch mit Brille kaum lesbar. Und doch geht´s irgendwie, so gerade noch. Früher aber hätten sich die Leute beschwert, warum die Untertitel so schnell rennen. Man lernt also mit der Zeit, mit dem Rennen umzugehen. So kommt man auch irgendwie mit dem Leben zurecht, das Rennen ist normal geworden und alle rennen mit. Ich glaub nur, dass irgendwann die Grenzen erreicht sind, aber das hat Goethe bestimmt auch schon gedacht, als er schrieb:

“Alles aber, mein Teuerster, ist jetzt ultra, alles transzendiert unaufhaltsam, im Denken wie im Tun. Niemand kennt sich mehr, niemand begreift das Element, worin er schwebt und wirkt, niemand den Stoff, den er bearbeitet. Junge Leute werden viel zu früh aufgeregt und dann im Zeitstrudel fortgerissen; Reichtum und Schnelligkeit ist, was die Welt bewundert und wonach jeder strebt; Eisenbahnen und Schnellposten, Dampfschiffe und alle möglichen Faszilitäten der Kommunukation sind es, worauf die gebildete Welt ausgeht, sich zu überbieten, zu überbilden und dadurch in der Mittelmäßigkeit zu verharren….”

Das Zitat habe ich bei Wiebke von den Kreuzberger Nähten gefunden, die es sich über den Schreibtisch gehängt hat. Das werde ich vielleicht auch noch tun, damit ich nicht vergesse, dass auch damals und davor sich die Welt verändert hat und die Menschen sich immer noch damit zurecht gefunden haben.

Gut tut es ihnen aber dennoch nicht oder warum sind die Menschen in unserer Gesellschaft so krank?

Warum ist eine Afrikanerin, die ein ziemlich hartes und bodenständiges Leben mit viel Arbeit aber wenig Stress in ihrem Dorf gelebt hat, plötzlich heftigst an Allergien erkrankt, nachdem sie nach Deutschland kam?

Warum sind die Kinder in den Slums von Indien zäher als unsere eigenen gut gepäppelten, bioernährten Zöglinge?

 

Ich bin mir sicher, dass ganz viele wissen, dass da was falsch läuft, aber trotzdem will keiner wirklich was ändern. Zu groß ist die Angst vor den Folgen, zu ungewiß, das, was noch kommen wird, wenn das Gerenne weg ist?

Werden sich alle in tiefe Depressionen stürzen? Sich gegenseitig fertig machen ob des erfahrenen Verlustes? Wird überhaupt einem auffallen, dass Verzicht in Wahrheit Gewinn ist?

Ich weiß es nicht, ich hab manchmal selber Angst. Aber ich bin bereit mitzuhelfen, wenn irgendjemand anfängt. Und ich glaube, so wartet jeder auf den anderen, den ersten Schritt zu tun. Ob sich jemals etwas ändern wird?

Zeit, die Fenster weit zu öffnen {Frühling}

Es ist jedesmal ein Wunder. Ein neues Jahr, der bald darauf kommende Frühling,

ein neues Leben.

Viele davon sind gekommen und wieder gegangen und doch – jedesmal wieder ein Wunder.

Ganz offiziell hat der Frühling nun diese Woche begonnen, der Winter mit seinen kurzen Tagen ist vorbei. Wie herrlich, von der Sonne morgens wachgekitzelt zu werden! Das Aufstehen selbst nach nur wenigen Stunden Schlaf fällt gleich leichter und die warmen Sonnenstrahlen auf dem Weg zur Schule ermuntern zum Durchatmen. Und plötzlich ist man mit allen Sinnen da und sieht Dinge, an denen man sonst vorbeigegangen wäre.

Es ist gut, wenn es regnet, und ich bin dankbar, dass wir mit dem Wasser von oben reichlich gesegnet sind, aber ich liiiebe Sonnenschein. Ob im Winter oder im Sommer, genug davon kann ich nie haben. Wie ungleich heiterer man seine Sorgen nehmen kann, wenn man die Sonne im Gesicht spürt… .

Willkommen Frühling, willkommen ihr kleinen Vöglein, die für uns bezaubernd singen und wieder nach draußen locken.

Zwei von den kleinen Konzertmeistern haben sich übrigens auf unserem Balkon eingenistet und ihr Hausbau geht erstaunlich laut vonstatten. Ich freue mich schon auf ihren jungen Nachwuchs, die neuen Leben, die kleinen Wunder.

Die verschlossene Welt

Die verschlossene Welt ist eine Welt, die ich nicht betreten kann.
Ich kann sie nicht betreten, weil man mich nicht hineinlässt oder ich sie aus moralischen, ethischen und anderen persönlichen Gründen nicht betreten will.

Eine verschlossene Welt ist auch jene, die ich mir nicht erschließen kann, weil ich sie nicht verstehe. Vielleicht fehlt mir dazu das Wissen, der Hintergrund oder auch der Intellekt.
Oder ich kenne ganz einfach nicht die Sprache.

Die Sprache ist der Schlüssel zu allem. Besonders schwer ist es, wenn man sich einer Religion, einer Lebensweise, einer Kultur anschließt, die auf einer bestimmten Sprache basiert, die man nicht verstehen kann.
Dann ist man auf Hilfe angewiesen, auf Übersetzer, die deine Sprache sprechen und es dir erklären können. Du bist dabei sehr abhängig und musst großes Vertrauen in den Übersetzer haben, der dir etwas beibringen will, was du nicht kennst. Er muss das richtige Verständnis für die Sprache und die Religion haben, sonst gehört er zu denen, die dich in die Irre führen. Es ist ein sehr schmaler Grat, auf dem du dich befindest und wenn es deinen Lebensweg betrifft, umso gefährlicher.

Der Weg aus diesem Dilemma ist das Lernen der Sprache. Du musst die Grundlagen kennenlernen, um Stützpunkte auf deinem Weg zu haben. Darauf baust du auf. Während du die Sprache lernst, musst du aufpassen, dich nicht zu überschätzen, nicht, dass du plötzlich meinst, du könntest es wagen, gleich den Qur’an zu übersetzen oder Fiqh-Bücher oder Ahadith.
Aber du kannst die Werke der klugen Übersetzer überprüfen, schauen, ob er die gleichen Worte gewählt hat, wie du es getan hättest. Du kannst überlegen, warum er vielleicht andere Worte benutzt hat. Hat es eine tiefere Bedeutung, die du noch lernen musst? Oder war es ein Fehler, weil der Übersetzer das Original nicht zu Rate gezogen hat?
Jetzt hast du den Schlüssel in der Hand, den Schlüssel zum tieferen Verständnis, der dich inshaALLAH vor dem Irrweg bewahrt.

Die verschlossene Welt steht dir offen, wenn du den Willen hast, dich darum zu bemühen.
Du musst hart arbeiten und wie immer im Leben Rückschläge einstecken und darfst dich dadurch nicht entmutigen lassen. Kämpfe weiter für dein Ziel, denn du willst nicht länger ausgeschlossen sein.
Das Alte hast du längst hinter dir zurückgelassen und du willst und kannst dahin nicht zurück,
aber das Neue liegt vor dir.
Trete ein in deine Zukunft.
Möge ALLAH t.a. mich und dich rechtleiten.

Alif Lam Ra’. Das sind die Verse der deutlichen Schrift.
Wir haben sie als Qur’an auf Arabisch offenbart,
auf daß ihr (sie) begreifen möget.
[12:2]
Darum haben Wir ihn (den Qur’an) (dir) in deiner Sprache
leicht (verständlich) gemacht,
damit du durch ihn den Gottesfürchtigen
die frohe Botschaft verkünden
und die Streitsüchtigen warnen mögest.
[19:97]